Sichtweisen des Volkes auf die Wahlen

Um nun zu analysieren, wie das Volk die Wahlen der Volkskammer sah, ist es ratsam, Zeitzeugen zu befragen.

Die interviewten Zeitzeugen schilderten den Wahlvorgang folgendermaßen: „Denn machen wir uns mal nichts vor. Wir haben alle geschimpft. Das war bloß ein Zettel, da standen Kandidaten der Nationalen Front. […] Pro forma hatten wir ja [viele Parteien]. Aber wir konnten hinter keinen ein Kreuzchen machen. Man musste die vorgegebenen Zettel zusammenfalten und dann haben wir den da rein getan. Es gab keine Wahlkabinen.“

 

Anhand dieses Zitates lassen sich nun einige grundlegende Charakteristika festmachen:

 

1. Teile des Volkes waren mit den Umständen, die Wahl betreffend, nicht einverstanden, was sich an dem Ausdruck „Wir haben alle geschimpft“ festmachen lässt.

 

2. Der Wahlzettel beschreibt die Wahl durch Einheitslisten. Im weiteren Verlauf haben die Zeitzeugen bemerkt, dass diese Einheitslisten oft als einengend empfunden wurden. Dieses Gefühl von der Einengung der Wahlmöglichkeiten kann ein wesentliches Charakteristikum für das Leben in einer Diktatur darstellen.

 

3. Wenn der Zettel schon vorgedruckt war, so hieß das für die politische Entscheidungsfindung: Es gab zwar ein Parlament, bei dem die künftige Zusammensetzung allerdings schon feststand.

 

4. Die Wahl bestand nun darin, den Zettel abzugeben oder eben nicht. Hierin lässt sich folglich eine einzige Wahlmöglichkeit festmachen. Die Folgen, die ein Nicht- Wählen nach sich zog, sind in unterschiedlicher Form umstritten. Zu diesem Thema äußerten die Zeitzeugen sich nicht.

 

5. Eine einschüchternde Beobachtung der Wahl fand auf Grund des Mangels an Wahlkabinen statt, was die Bevölkerung wohl auch eher als kritisch am System erachtete.