Das Schuljahr 1990/91 in der DDR

Die Schulleiter der alten POS wurden bis zum Juli 1990 abberufen. Von da an konnten sich engagierte Lehrer mit den nötigen Vorkenntnissen für die neuen Schulleiterposten in den allgemeinen Oberschulen bewerben. In den Schulkonferenzen, bestehend aus Lehrer-, Eltern- und Schülervertretern, gab es dann ein Votum in geheimer Wahl über alle Bewerber. Diese Ergebnisse wurden dann weitergeleitet an den Landkreis. Nachdem untersucht wurde ob oder inwiefern der Bewerber in der Staatssicherheit involviert war, fiel die Personalentscheidung für den Schulleiterposten zum 1.August 1990. Durch die Wahl wurde ein neuer Demokratisierungsprozess für die Schule eingeleitet.

Auch in anderen Bereichen des Schulalltages gab es Veränderungen:

 

Mitbestimmung

Besonders zum Beginn des neuen Schuljahres waren viele Konferenzen notwendig, um die Neuerungen zu besprechen. Zu diesen Konferenzen zählten z.B. Klassen- und Fachkonferenzen. Aber auch das persönliche Gespräch, wie in Elternberatungen, wurde gesucht. Der Weg sollte von den zentralistisches Leitungsvorgehen hin zum Einbinden der Mitwirkungsgremien gehen insbesondere bei der Behandlung von Problemen und kritikwürdigen Prozessen.

 

Erziehung

In der DDR war die Erziehung der Schüler neben dem Unterricht eine wichtige Aufgabe der Schule. Nach der Wende jedoch wurde das Ersterziehungsrecht dem Elternhaus übertragen. Des weiteren wurden Hausbesuche der Lehrer bei den Eltern abgebaut und später aufgehoben. Auch der Hort, der bislang fest im Schulalltag integriert war, wurde nun in die Hände der Stadt abgegeben und später den Grundschulen untergeordnet. Man versuchte nach der ehemaligen sozialistischen Erziehung in der Schule, den Eltern nun die Chance zu geben den Kindern ihre eigenen Norm- und Wertvorstellungen vorrangig zu vermitteln. Trotzdem blieb die Schule ein wichtiges Organ für die Erziehung.

 

Fremdsprachenunterricht

Nachdem man sich auf politischer Ebene entschied, sich der ehemaligen Besatzungsmacht, der Sowjetunion, abzuwenden, wurde auch die Pflicht den Russischunterricht zu besuchen aufgehoben. Stattdessen sollte Englisch als Weltsprache den Schülern ab der dritten Klasse gelehrt werden. In den folgenden Jahrgängen sollten dann noch zwei weitere Fremdsprachen gewählt werden (z. B. Russisch, Französisch, Latein…). In den meisten Regionen gab es jedoch nicht ausreichend Lehrer für die verschiedenen Sprachen. Deshalb mussten einige Lehrer parallel zum normalen Schulalltag die Sprachen erlernen und darin die Abschlüsse erwerben, um eine Fremdsprachenausbildung für die Schüler zu gewährleisten.

 

Andere Schulfächer

Nach der Umbenennung der Polytechnischen Oberschule in eine Allgemeine Oberschule, mussten auch die inhaltlichen Aspekte angepasst werden. Die Polytechnik als Bestandteil der Oberschule wurde vollständig den Firmen aufgetragen. Stattdessen wurde über die Einführung der Fächerkombination Arbeit-Wirtschaft-Technik diskutiert. Nachdem Wegfallen des Staatsbürgerunterrichts wurde ein neuer Religionsunterricht erstmal angedacht. Dazu mussten die Schulleiter Verbindung mit den Kirchen aufnehmen, sich mit unterschiedlichen Herangehensweisen befassen und letztlich eine optimale Lösung finden.

 

Organisation

Eine wichtige Aufgabe des Schulleiters in der DDR neben der Gestaltung des Schulalltags war es dafür zu sorgen, dass seine Schüler genügend Milch in der Schule zu sich nahmen. Diese Milchquote und die Ausgabe von Mittagsessen fiel ab diesem Schuljahr Anbietern zu. Auch um die Reinigungskräfte musste sich der Schulleiter nicht mehr kümmern. Stattdessen müsste er sich um den steigenden Bedarf an Kopierern kümmern, da die Bücher aus der Bundesrepublik nicht so schnell nachgedruckt werden konnten. Auch die technische Ausstattung der Schulen sollten verbessert werden, was natürlich auch hohe Kosten verursachte.

 

Lehrer

Nach der Wiedervereinigung wollte man vermeiden, dass ehemaligen Mitarbeiter der Staatssicherheit die Schüler unterrichten. Deshalb durften ab Mitte November 1990 persönliche Auskünfte eingeholt werden. Außerdem mussten die Lehrer in den neuen Strukturen so gut klarkommen, dass die Schüler wenig von dem Stress mitbekamen.  Zum Ende des Schuljahres mussten sie in der „alten Schulstruktur“ unterrichten und sich gleichzeitig auf die neue kommende Struktur vorbereiten. Dazu gehörten erste Bewerbungen, die zusammengestellt werden mussten und auch eine persönliche Fortbildung. Ab März/April 1991 müssten die Schulleiter innerhalb von ca. 1-2 Monaten dienstliche Beurteilungen für alle Lehrer schreiben. Währenddessen gab es einen massiven Abbau von Lehrerstellen in Sachsen- Anhalt. So worden bis zum 31.07.1991 6000 Lehrer entlassen. Häufig beendeten Lehrer im Rentenalter ihr Arbeitsverhältnis „ohne Qualifikation“. Zudem wurde eine neue Teilzeitbeschäftigung auf Wunsch eingeführt.

 

Bewegende Fragen in dieser Zeit

Was wird aus dem Haushaltstag? (Frauen konnten sich dafür einen Tag im Monat freinehmen)

Wer arbeitet die Prüfungsfragen in den Naturwissenschaften aus (Kl. 10)?Wie wird die Schulträgerschaft geregelt?

Wer macht die Haushaltsbestätigungen und Kostenstellenplanung?

Wie und wann werden die neuen Rahmenrichtlinien veröffentlicht?

Wann sind die Schülerzahlen für die jeweilige Schulform zwecks Lehrereinsatzplanung bekannt?

Werde ich den Anpassungsprozess bewältigen? Eine Frage, die sowohl Lehrer als auch Schüler umtreibt.  

Zum Halbjahr 1990/91 sind neue Schulstrukturen in Sicht. Die neue gymnasiale Oberstufe bedarf sich weiterbildender Lehrer. Die Eltern und Schüler machten sich Gedanken, ob diese Oberstufe besucht werden kann. Dazu gab es Schullaufbahnberatungen in der auch weiterhin auf die Noten geachtete wurde. Die Anforderungen sanken allerdings und so konnten statt 17% in der DDR im Schuljahr 1991/92 bis zu 40% der Schüler weiterempfehlt werden. Aber nicht nur die Schüler müssen sich entscheiden, auch die Lehrer müssen überdenken, welche Schulform sie unterrichten wollen.

 

Im Februar 1991 wird auf ein Schulgesetz des Landes Sachsen Anhalt gewartet, welches die neuen Strukturen entgültig festlegen sollte. Zudem blickt man gespannt auf die Schulentwicklungsplanung der einzelnen Landkreise. Ab April 1991 wurden dann die Schulräte bestätigt. Diese waren wichtig für die Personalentscheidungen. Für das kommende Schuljahr werden die ersten Rahmenrichtlinien kopiert. Außerdem werden die Schulplanung und die Schulbuchbedarfserfassung zu einem zentralen Thema im Elternhaus und in der Schule.

 

Ab Juni 1991 war klar, dass die übergangsweise bestehende Oberschule bis zum 31.07.1991 beendet wird. Nun galt es als Schulleiter zwei Arbeitsplätze im Kopf zu haben, denn bis Ende Juni musste Klarheit über das zukünftige Lehrerkollegium, die Schülerzahlen, die Raumverteilung, die Stundenverteilung und den Schulbuchbedarf herrschen.

 

Zum Schuljahr 1991/92 lösen sich „lieb gewordene“ soziale Strukturen in den Klassen 6 bis 10 auf. Die Schüler gehen neue Wege, die Lehrer ebenfalls.