Stimmung der Bevölkerung und wirtschaftliche Aspekte in der Region

Durch Klicken vergrößern!
Durch Klicken vergrößern!

Der innenpolitische und gesellschaftliche Umschwung des Jahres 1989 in der DDR erreichte auch die Staatssicherheit. Im Bezirk Magdeburg wurden breit gefächerte Studien zum Verhalten und der Befindlichkeit des Volkes, zur Lage des Landes, geführt.

Festgestellt werden konnten immer mehr geäußerte Bedenken zur weiteren Entwicklung. Selbst führende Politiker, z.B. Parteisekretäre aus dem Kreis Burg, stellten die abwartende Haltung der Partei infrage und forderten eine sofortige Einleitung spürbarer Schritte und ein entschiedenes Eindämmen der erstarkten Oppositionellen. Angehörige des Kollektivs der Berufsbildung im VEB SKET mahnten an: „es sei an der Zeit, sich mit den Gründungen von oppositionellen Gruppen auseinanderzusetzen und ihre Ziele bloßzulegen, sonst bleiben ‚Neues Forum‘ und ‚Sozialdemokratische Partei der DDR‘ nicht nur Schlagworte des Gegners. Eine klare Orientierung der Massenmedien fehle leider.“

Weiterhin führte das vermehrte Ausreisen von DDR-Bürgern aus den BRD-Botschaften in Prag und Warschau, überwiegend bei mittleren und älteren Personengruppen des Bezirkes, zu der Ansicht, dass der Staat global an Autorität verloren hat. Außerdem sollte die Regierung vermehrt über die Ursache der Republikflucht durch junge Bürger reflektieren. Die Tendenzen des ungesetzlichen Verlassens der DDR über das sozialistische Ausland, wurden tabellarisch festgehalten. Insbesondere im Juli 1989 steigerten sich die Ausreisen des Bezirkes nach Österreich und Westdeutschland drastisch. Die Zahlen bestätigen die Konzentration der Republikfluchten in den Altersbereichen von 19 bis 26 Jahren (43,3 % aller Personen) und 27 bis 40 Jahren (30,4% aller Personen). Vorwiegend kamen die Personen aus dem Kreis Magdeburg mit 390 illegalen Ausreisen, gefolgt von Stendal und Wernigerode mit insgesamt 190 Flüchtlingen. Tiefergehend wurden die Tätigkeitsbereiche der Ausgereisten dargestellt, um Verluste z.B. im Gesundheitswesen erfassen zu können. Von besonderer Bedeutsamkeit waren folglich 31 Ärzte, 46 Ingenieure, 13 Lehrer und 30 Studenten, die die Deutsche Demokratische Republik ungesetzlich über Ungarn verließen. Weitere Einbuße waren in den Berufsfeldern Industrie, Gastronomie, Handel und Versorgung, Handwerk und Dienstleistungen zu verzeichnen. Insbesondere die Industrie war mit der Ausreise von 308 Arbeitern stark betroffen. Als angesehene Einzelpersonen, entsprechend ihrer ehemaligen gesellschaftlichen Stellung traten darunter in Erscheinung: ein Trainer des SC Magdeburg, ein Abteilungsleiter des VEB Erdöl-Erdgas Gommern und eine ehemalige politische Mitarbeiterin der SED-KL Burg.

Resultierend aus der Fülle an Flüchtigen des Bezirkes Magdeburg stellte sich die Bevölkerung die Frage, „wie die Verluste an Arbeitskräften hinsichtlich der Erfüllung der Produktionsaufgaben bis hin zur Rentenabsicherung in der Perspektive auszugleichen seien.“

Folglich zeigt die Akte, dass die Bevölkerung Anteilnahme am Schicksal des Landes zeigt.

Vergrößern durch Klicken!
Vergrößern durch Klicken!

Anhand des Bezirkes Magdeburg lässt sich ein Bewusstsein der Menschen über außenpolitische Machtverluste, aufgrund von komplexen innenpolitischen Problemen und daraus resultierender Handlungsstarre, erkennen. Trotz fehlender und verschleierter Berichterstattung der Massenmedien besteht der Drang nach Aufklärung.

Dabei ist nur eine punktuelle Bewegung gegen das System, in Form von Gruppierungen wie dem „Neuen Forum“, zu verzeichnen. Grundlegend steht die Bevölkerung hinter dem Staat, bekundet aber Handlungs-und Reformbedarf im gealterten Parteiapparat. Ferner reagiert das Volk merklich auf die drohenden Veränderungen und kritisiert die Regierung ungezwungener. Das Regime der Angst und Kontrolle scheint im Oktober 1989 ein Stück seiner Beeinflussungskraft verloren zu haben. Vordergründig bemerkt man aber die ständige Angst der Leute um ihre Zukunft. Die fehlenden Maßnahmen der Regierung, der weltweite Einflussverlust und die Zunahme der illegalen Ausreisen verunsichern die Menschen im Raum Sachsen-Anhalt. Der sich daraus ergebende Arbeitskräftemangel in vielen Industriezweigen und unter Akademikern, führt zur Besorgnis um die wirtschaftliche Kraft des Staates und führt zum Vertrauensverlust in die DDR. Es wächst der Eindruck als Bürger unmündig zu sein. Wachstumsschwäche führt zur Schmälerung der sozialen Grundsicherung, z.B. der Rentenabsicherung.

Trotz der noch vorhandenen Unterstützung für das Land, ist eine zunehmende Verunsicherung in der Bevölkerung merklich. Schwachpunkte der Diktatur werden offengelegt und diskutiert. Am Ende des Jahres 1989 ist die weitere Existenz des sozialistischen Staates zunehmend fraglich.

Im Zuge unserer Recherchen und einem Interview mit dem ersten Nach-Wende-Bürgermeisters Gommerns, erfuhren wir aus seiner Sicht aber noch weitere Ziele der wirtschaftlichen Veränderungen in Gommern nach/ während der Wende:

  1. Es sollte ein touristisches Zentrum geschaffen werden (Bsp. Wasserburg, Kulk); dafür: Abkauf des Kulkes der Stadt von Privateigentümern; in der Folge: Entstehung eines wirtschaftlichen Standorts am Kulk (Bau des Hotels „Robinienhof“, wirtsch. und gesellschaftlicher Standort: Kulk, Festscheune)
  2. Das wirtschaftliche Heranwachsen ging Stück für Stück vonstatten; es sollten keine übereilten Entscheidungen getroffen und das Geld sinnvoll ausgegeben werden. 
  3. Die Kindergarten gingen in freie Trägerschaften über.
  4. Es kam zur Schließung der Volkssolidarität und Gründung des Gymnasiums, der Sekundarschule und der Grundschule.
  5. Es wurde eine neue Feuerwehr, eine Bibliothek und ein Pflegeheim gebaut.
  6. Verbesserungen im Bereich Abwasser/Wasser; Friedhofsneugestaltung; Gebietsreformen; Bau der ersten Discothek des Landes Sachsen-Anhalt zum Schutz der Jugendlichen vor nächtlichen Alkoholfahrten ließen nicht lange auf sich warten.
  7. Der Konsortialvertrag wurde abgeschlossen: erster Industriepark des Landes Sachsen-Anhalt in Gommern
  8. Nachdem die Treuhand sämtliche Betriebe vereinnahmte (in Gommern Erdöl-und Erdgasindustrie, die auf Russland zugeschnitten war, dessen Wirtschaft zusammenbrach), konnte sich das ZRAW (Zentrales Reparatur-und Ausrüstungswerk) sich nicht mehr halten. Es erfolgte der Zusammenbruch des Kombinats mit 2000-3000 Arbeitern (= Konzern mit Konzernspitze/Kombinatsleitung/Generaldirektor). Es kam zur Herausbildung einzelner Profitcenter durch Kauf des Grund und Bodens durch die Stadt Gommern. Trotz Einteilung in Partiellen und der Ansiedlung einzelner Betriebe (Krahnanlagen, Hanomag Hartöl) konnten aber nicht alle Arbeitsplätze gerettet werden.
  9. Es begann aber ingesamt ein Neuaufbau des Industriegebietes: insbesondere der Infrastruktur (Straßenbau, Abwasser). Die Neugestaltung und Entstehung des Industrieparkes gelang vor allem durch die gute Zusammenarbeit zwischen Bürgermeister und der Konzernführung.
  10. Weitere Träger des Umbaus waren der Stadtrat und die Aktivisten.