Glasnost und Perestroika für die DDR-Bürger

Als Michail Gorbatschow in der UdSSR Generalsekretär der KPdSU im Jahr 1986 wurde, nahm er sich zur Aufgabe, die politischen Fehler seiner Partei seit Lenin aufzudecken. In seine Arbeit flossen die Konzepte Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umstrukturierung) ein. Die neuen Fortschritte der „Brüderstaaten“ werden auch von den DDR-Bürgern registriert.

 

Am 21.Januar 1989 wurde in der Volksstimme Magdeburg ein Bericht aus der sowjetischen Zeitschrift Trud abgedruckt. In diesem Artikel wurde berichtet, dass es in der UdSSR ca. 43 Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze gibt. Angestellte der Leitakademie für Bauwesen in Magdeburg vertraten die Meinung, dass solche Veröffentlichungen die UdSSR immer unglaubwürdiger machen würden. Ähnliche Äußerungen gab es von Arbeitern aus dem Kombinat Erdöl-Erdgas in Gommern. Diese Informationen haben bei ihnen zu einem gestörten Bild der Sowjetunion geführt, da sie diese Dimensionen nicht erwarteten. Viele weitere Bürger aus unterschiedlichen Bereichen konnten die Neuigkeiten aus den „Brüderstaaten“ nicht begreiflich einschätzen. Inhalte wie Arbeitslosigkeit, das Leben unter der Armutsgrenze, Gründungen kapitalistischer Firmen sowie Verschlechterungen der Reise- und Urlaubsbedingungen in der UdSSR und der Volksrepublik Ungarn waren zuvor nie in der DDR thematisiert worden. Ingenieure aus dem VEB SKL Magdeburg schilderten [1]: „Mit diesen Veröffentlichungen wird die Argumentation zu den Vorzügen des Sozialismus gegenüber dem kapitalistischen System erschwert. Die Behauptung über Krisenfreiheit im Sozialismus und gesicherte Existenz der Arbeiter sind in der Realität nicht vorhanden. Inflation, Preiswucher, Schwarzmarkt, Arbeitslosigkeit, Warenknappheit und gestiegene Lebenshaltungskosten sind doch an der Tagesordnung.“ Einige Bewohner befürchteten sogar, dass der Kapitalismus sein Ziel erreichen würde und das sozialistische Lager aufgeweicht wird. Trotz wirtschaftlicher Versorgungsprobleme waren viele DDR-Bürger stolz gewesen in einem, für sie, stabilen sozialistischen Staat zu leben.

[1] BStU, ASt. Magdeburg, ASZI 264/108