Die Widersprüche beim historischen Arbeiten

 

Wie schon bekannt, forderte der damalige stellvertretende Werkleiter des VEB die Arbeiter auf, ihre Demonstrationen zu unterlassen. Jedoch ist aus MfS-Untersuchungsakten, Gerichtsakten und eigenen Aussagen bekannt, dass er Werner Mangelsdorf aufforderte zur Haftanstalt zu marschieren und Gefangene zu befreien, was er letztendlich auch tat. Der stellvertretende Werksleiter wurde im Nachhinein zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt.[1] Auf Grund dieser Tatsache lässt sich schlussfolgern, dass scheinbar viele Menschen offiziell für das SED-Regime einstanden, aber im Hintergrund, trotz begründeter Angst vor der Staatssicherheit, es einige Leute gab, die versuchten etwas zu ändern. Zu diesen Menschen kann man auch jeden Einzelnen zählen, der am Aufstand teilnahm. Auch von Mangelsdorf war die Beteiligung an den Demonstrationen nicht selbstverständlich. Er war zwei Monate davor noch geheimer Informant des Ministeriums für Staatssicherheit.[2]  Da man heute weiß, dass er nach seiner Flucht wieder Kontakt zum MfS aufnahm, ist es umso verwunderlicher und unerklärlicher, dass er an der Befreiung der Häftlinge so aktiv teilnahm.

Bei der Aufarbeitung der Textquellen war es uns wichtig, diese nicht unhinterfragt zu lassen, denn gerade Briefe und Schilderungen von Eindrücken sind oftmals subjektiv. Die dort getroffenen Aussagen müssen also mit anderen Quellen abgeglichen werden. So bemerkte man, dass die Volksstimme berichtete, dass Eberhard Nachmann am 19. Juni 1953 verhaftet wurde. Jedoch ist uns bekannt, dass die damalige Ehefrau erzählte, dass Nachmann am 18. Juni 1953 um 6.30 Uhr auf dem Bahnhof in Gommern festgenommen wurde.[3] Aber nicht nur die Presse berichtet hier anders. Auch in einem von Fritz Heicke verfasstem Text findet man Ungereimtheiten. So schreibt er:

„Von hier fuhr [Nachmann] täglich zum Dienst nach Magdeburg. Bis zum 16. Juni 1953, an welchem Tage in Gommern wie in Berlin, Magdeburg und vielen anderen Orten sich der Unmut der Bevölkerung gegen die Besatzungsmacht Luft machte“.[4]

Jedoch lässt sich beweisen, dass der aktionsreichste Tag des Volksaufstandes der DDR der 17. Juni 1953 ist. Hierbei kann es sich also möglicherweise um einen Tippfehler handeln. Dennoch sollte man bei der Rekonstruktion der Geschehnisse auf Unterschiede von Aussagen in Quellen achten, um möglichst die Hintergründe genau aufzudecken.

 


[1] Kowalczuk, Ilko-Sascha (2003), S. 196.

[2] Ebd.

[3] Ballerstedt, Maren (2009), S. 371.

[4] vgl. Nachlass von Fritz Heicke.