Mobilisierung und Reaktion

Nicht nur in größeren Städten wie Berlin, Erfurt und Leipzig kam es am 17. Juni 1953 zu Massendemonstrationen und Streiks der Bevölkerung, sondern auch in der Kleinstadt Gommern. Einer der Hauptakteure dieses Ereignisses war Eberhard Nachmann, welcher 1945 für zwei Monate Gommerns Bürgermeister war. Unmittelbar nach der Nachkriegszeit wurde Fritz Heicke von Eberhard Nachmann zum Leiter der Mittel- und Volksschule ernannt. Von ihm sind uns wichtige Informationen über die Verhafteten des Aufstandes und über die Gommeraner Bürgermeister aus den Jahren 1931-1955 erhalten geblieben. Zudem liegt uns ein Brief der Bezirksdirektion der Volkspolizei zu diesem Tag vor.[1]

 

Die Mobilisierung der Arbeiter


Bereits am Vormittag des 17. Juni 1953 erfuhren die Arbeiter der Bau-Union Magdeburg, eine Baustelle in Gommern, von den beginnenden Streiks in Magdeburg und wollten ihren Unmut auch selbst durch Proteste äußern. Sie bekamen schnell Zuspruch von den Angestellten des VEB Geologische Bohrungen.[2] Viele von ihnen forderten den Rücktritt der SED-Regierung und erklärten den amtierenden Bürgermeister Otto Hensel für abgesetzt.[3] Der stellvertretende Werksleiter des VEB forderte die Menge zwar auf wieder zu arbeiten, jedoch stürmte die unruhige Menge zum Gefängnis in der Wasserburg zu Gommern los, um die mehreren hundert Häftlinge zu befreien.[4] Die Demonstranten wurden von Werner Mangelsdorf angeführt. Bevor es jedoch zum Gefängnis ging, zogen sie zum Polizeirevier, wo sie die Waffen wegsperrten und die Polizisten zum Mitgehen zwangen.[5]  Auf Grund dieser Tatsache und anderen Hinweisen der Volkspolizei lässt sich für den ganzen Verlauf des Protestes sagen, dass die Revolte relativ gewaltlos gegenüber Menschen  und ohne Waffen ablief. Aber nicht nur Werktätige aus Gommern wollten den „Zwiebelturm“ stürmen, sondern auch Arbeiter aus Magdeburg, die am Nachmittag eintreffen würden.

 

Die Reaktionen auf den Aufstand


Die Haftanstalt (bekannt als Zuchthaus[6]) wurde vom Volkspolizei-Kreisamt in Burg um 12.30 Uhr informiert, dass um 15.00 Uhr mit Demonstrationen von 500 Arbeitern aus Gommern und Magdeburg zu rechnen ist.[7] Der Anstaltsleiter bat mehrmals um die Unterstützung der sowjetischen Truppen aus Burg. Dies wurde jedoch zuerst abgelehnt, da kein Befehl aus Berlin vorlag. Gegen 14.00 Uhr gab es einen Anruf der Firma Karuk aus Magdeburg. Sie forderten die Freilassung des Häftlings Karuk, sonst würde sie diese gewaltsam erzwingen. Außerdem wurde der Anstaltsleiter davon in Kenntnis gesetzt, dass der Justizpalast in Magdeburg bereits in Flammen stünde und 10 LKWs mit Arbeitern unterwegs seien. Auf Grund dieser Drohung wurde nach nochmaligen Nachfragen die Hilfe der Roten Armee aus Burg zugesichert.[8]



[1] vgl. Nachlass von Fritz Heicke.

[2] Ballerstedt, Maren: Opfer zweier Diktaturen- das Beispiel Eberhard Nachmann. Ein Beitrag zur Biographieforschung von Beteiligten des Volksaufstandes am 17. Juni 1953, in: Großbölting, Thomas/ Willenius, Roswitha (Hg.): Landesherrschaft- Region- Identität- Der Mittelelbraum im historischen Wandel, Halle 2009, S. 370.

[3] Ebd., S. 371.

[4] Kowalczuk, Ilko-Sascha: 17.6.1953: Volksaufstand in der DDR, Ursachen- Abläufe- Folgen, Bremen 2003, S. 195f.

[5] Ballerstedt, Maren (2009), S. 371.

[6] Aus einem Zeitzeugenbericht von Margarete Lehnert.

[7] Brief der BDVP Magdeburg, Abt. Strafvollzug an die Hauptabteilung, Hauptabteilung Strafvollzug der Deutschen Volkspolizei Berlin vom 23.06.1953.

[8] Ebd.