Vernehmungsprotokoll Eberhard Nachmanns
Vernehmungsprotokoll Eberhard Nachmanns

Vernehmung, Prozess und Strafvollzug am Exempel Eberhard Nachmanns


Aus drei Führungsberichten während Nachmanns Haft in der Strafvollzugsanstalt Magdeburg – Sudenburg geht folgendes hervor: 

„Trotz seiner betont juristischen Kenntnisse versteht er es selbst nicht, sich den Bedingungen des Strafvollzugs zu unterwerfen, sondern handelt gegenüber den Genossen des Aufsichtsdienstes in einer überheblichen Form und gewissen Nichtachtung.“ 05. Juli 1956[1]

„Sein Gesamtverhalten im Strafvollzug beweist eindeutig, dass Nachmann ein Feind unseres Arbeiter- und Bauernstaates ist und dass er seine Straftat weder bereut noch den ehrlichen Willen hat, diese wiedergutzumachen.“ 10. Dezember 1956[2]

„Das man Nachmann eine einwandfreie Charakteristik geben kann, ist kaum möglich, da er sich aus jeder Frage geschickt herauswindet, und den Versuch unternimmt, zu seinem Vorteil zu sprechen.“ 11. Juni 1957[3]


Nach seiner Festnahme am Morgen des 18. Juni 1953 in Gommern, wurde er noch am gleichen Tag ab 17:10 Uhr bei der Volkspolizei des Kreisamtes Burg vernommen. In seiner Darstellung des Sachverhaltes wollte Nachmann sich nicht an der Demonstration beteiligen. Er wollte lediglich die Menge dazu bringen sich zu beruhigen, indem er auf ihre Forderungen einging, um eine weitere Eskalation zu verhindern, wie er sie sicherlich in Magdeburg mitbekommen haben dürfte. Er sei besorgt gewesen über die Situation dass „Gefangene […] wie Wahnsinnige sich in ihren Zellen gebärden und versuchten mit dem Kopf durch die Zellentür zu rennen, während man von Aussen Versuche unternahm sie mit dicken Hämmern und anderen Brechwerkzeugen zu befreien.“

Um ihnen zu helfen, habe er den Wachtmeister aufgefordert „eine Massnahme zu ergreifen“, ihm aber nicht die Schlüssel abgenommen. Nach seinen Aussagen hat er keine Entlassungspapiere ausgestellt, diese waren bereits angefertigt, als er eintraf. Außerdem sagte er aus, nicht länger als eine viertel Stunde an der Wasserburg gewesen zu sein. Auf die Nachfragen nach dem Motiv, argumentierte er entschieden gegen den Volksaufstand:

„... worin wir beide zu dem Ergebnis gekommen waren, dass jeder Tumult und jede Beteiligung an derartigen Demonstrationen Wahnsinn wäre, weil es

a) Schaden stiftete, den wir, das Volk doch schließlich selbst bezahlen müssten,

b) durch den Ausfall von Arbeitsstunden das sehr wichtige Exportprogramm der DDR damit in

     ärgste Mitleidenschaft gezogen würde.“[4]



[1] BStU, ASt: Magdeburg, ASZI 629/53 Bd II, 408.

[2] BStU, ASt: Magdeburg, I 629/53 Bd IV, 78.

[3] Ebd., 79.

[4] BStU, ASt: Magdeburg, ASt I 629/53 Bd. I, 23-26.

 

Informationen aus den Unterlagen der "Staatssicherheit" der DDR
Informationen aus den Unterlagen der "Staatssicherheit" der DDR

Kaum einen Monat nach den Ereignissen in Gommern, am 14.07.1953, kam es zu Nachmanns Verhandlung beim Bezirksgericht in Magdeburg. Mit ihm waren 4 weitere, an der Demonstration auf der Wasserburg beteiligte, Männer angeklagt: ein Angestellter aus Zerbst, ein Elektriker aus Magdeburg, ein Maschinist und ein Arbeiter aus Gommern. Ihnen wurde schwerer Landfriedensbruch zur Last gelegt und als Beweise wurden neun Zeugen aus Gommern und vier ebenfalls zu diesem Zeitpunkt in Untersuchungshaft befindliche Herren geladen.[1]

Seine Aussage vor Gericht ist ausführlich und legt umfangreich seine Motive für die getätigten Handlungen dar: „Ich war der Auffassung, dass man durch Widerstand leisten die Menge noch mehr erregen würde.“[2] Allerdings wird in keinem seiner Berichte und auch von keinem der Zeugen gesagt, dass Nachmann an der Ausstellung der Entlassungsscheine beteiligt war. Tatsächlich stellt sich im Laufe der Verhandlung heraus, dass zwei Volkspolizistinnen, einer der Angeklagten und ein Kommissar dies ausführten.[3] Obwohl Eberhard Nachmann zwei Zeugen hatte, die seine Sicht auf die Dinge bestätigten und nur ein Zeuge gegen ihn aussagte, erhielt er eine der härtesten Strafen am Ende des Prozesses. Sechs Jahre Zuchthaus hieß es bei Verlesung des Urteils am 15. Juli 1953.[4] Eine von seinem Anwalt eine Woche später eingereichte Berufung scheiterte.[5] Er wurde nach 4 Jahren, am 14.09.1957, entlassen.[6] Seine restliche Haftstrafe wurde trotz der schlechten Führung in 3 Jahre auf Bewährung umgewandelt[7], nachdem sich zuerst seine Ehefrau und danach ein Pfarrer aus Gommern engagiert für seine Begnadigung eingesetzt haben.[8]



[1] BStU, ASt: Magdeburg, ASt I 629/53, Band I, Bl. 237.

[2] Ebd., Bl. 242-245.

[3] Ebd., Bl. 262.

[4] Ebd., Bl. 267.

[5] BStU, ASt: Magdeburg, ASt I 629/53, Band II, Bl. 24-39.

[6] BStU, ASt: Magdeburg, ASt I 629/53, Band IV, Bl. 82-86.

[7] Ebd., Bl. 115.

[8] Ebd., Bl. 73-79. 

Faksimile aus den Stasiakten

In der folgenden Bilderansicht finden Sie ausgewählte Fotografien von Stasiakten, die für unsere Recherche eine große Rolle spielten.


Diese Faksimile wollen wir Ihnen selbstverständlich nicht vorenthalten: