Interview mit Herrn Günter Stolz

I.: Wie alt waren Sie zu dem Zeitpunkt des Aufstandes?

S.: Ich war 28 Jahre alt.

I.: Waren Sie berufstätig und wenn ja, was haben Sie für einen Beruf ausgeübt?

S.: Ja, ich war in Magdeburg beschäftigt in der Maxim-Gorki-Maschinenfabrik.

I.: Kannten Sie jemanden, der ein Gefangener in der Wasserburg war?

S.: Nein.

I.: Wie haben Sie von dem Aufstand erfahren?

S.: Ich war in der Konstruktion in Magdeburg Lübecker Str. und war gerade in der Versuchswerkstatt. Unten auf der Straße wurde es unruhig und es kam ein Auto vorbei gefahren und sagte, dass sich alle anschließen sollen und „Wir werden jetzt ,Rabatz‘ machen“. Der Gewerkschaftsleiter sagte, dass es was Gewerkschaftliches sei und wir mit machen müssen. Wir haben dann unsere Sachen schnell zusammengepackt und in die Schränke gelegt und uns unten angeschlossen. Ich weiß nicht wie, aber die Straße war plötzlich voller Menschen, die in Richtung Hasselbachplatz/Deutscher Platz gegangen sind. Wir gingen weiter bis zur Goethestraße und einige Menschen haben die Parteizentrale gestürmt und die Büsten der Parteiführer aus den Fenstern herausgeschmissen auf die Straßen. Ich bin dann zum Bahnhof, um nach Hause zu fahren, so gegen Mittag.

I.: Was ist in Gommern passiert?

S.: Am Gommeraner Bahnhof wurden ich und andere, die ausgestiegen sind, von einigen Menschen in Empfang genommen und die haben uns zur Wasserburg gebracht. Hans-Albrecht Pitschmann und Eberhard Nachmann wurden reingeschickt zur Verhandlung, ob die politischen Gefangenen freigelassen werden könnten und ihnen wurde gesagt, dass sie herausgeholt werden, wenn sie nicht in einer viertel Stunde wiederkommen. Dann haben wir draußen gewartet, ungefähr eine halbe Stunde bis einer gesagt hat: „ Die Zeit ist um, jetzt machen wir die Tür auf.“ Plötzlich hatten einige so etwas wie eine Fahnenstange, zu mindestens einen dicken Holzstamm. Sie haben mit einem Hauruck das Tor geöffnet und strömten in die Burg. Als erstes war es interessant wie die Gefangenen untergebracht wurden. Es waren kleine Zellen, in den teilweise zehn Personen drin waren, es hat gestunken und es war kaum Licht da. Ach, es war nicht schön. Also die Gefängnisleitung konnte sich nicht weiterhelfen und hat bei den Russen angerufen. Die kamen dann an mit einen Kommando und haben vorne dicht gemacht. Es konnte keiner mehr raus und es waren sogar Frauen mit Kinderwagen da, alles Mögliche. Sie wollten alle gucken was los sei. Danach mussten wir uns in den Hof hinstellen und dann hieß es, dass die Gefangen - die Zellen wurden zum Teil von uns geöffnet - sich zu einen Block zusammenstellen sollten und die restlichen Menschen zu einen anderen Block. Da war ein Herr von der Verwaltung, der sollte durch die Reihen gehen und die Leute heraussuchen die gewalttätig waren, den Aufsehern gegenüber. Es wurde nur Herr Bayer herausgefischt.

Ich habe fast vergessen zu erwähnen, was mit Hans-Albrecht Pitschmann und Eberhard Nachmann passiert ist. Also die beiden sollten die Entlassungspapiere für die Gefangenen schreiben, bis die Sowjet-Soldaten kamen. Der Hans-Albrecht Pitschmann ist gleich nach dem Aufstand mit dem Zug nach Zerbst gefahren, weil er Angst bekommen hat, dass er Ärger bekommen würde und er ist meiner Meinung nach auch nicht wieder gekommen.

Nachdem  nur der Bayer herausgefischt wurde, hieß es, dass wir alle nach Hause dürfen und draußen standen vier Russen, da mussten wir dann dran vorbei und dann ging es schnell nach Hause.

I.: Wie war es denn nach diesem Tag? Hat man über dieses Ereignis gesprochen?

S.: Nein, da war nichts mehr.

I.: Haben Sie geahnt, dass so ein Aufstand zustande kommt?

S: Es lag schon ein bisschen in der Luft, aber dass es sich so entwickelt, das wusste ich nicht.

I.: Vielen Dank für das Interview.