Zeitzeugeninterview mit Frau Wetzel

I: Wie haben Sie den 17. Juni 1953 erlebt?

W: "Ich war bei einem Geburtstag von einer Freundin, die in der Burgstraße – die in Walther-Rathenau-Straße unbenannt wurde – lebte, eingeladen und plötzlich war Krach auf den Straßen. Wir gingen hinaus um zu gucken wo der Lärm herkommt und was es damit auf sich hat. Dann bemerkten wir, dass es aus Richtung der Wasserburg kam und schauten, was genau sich da abspielt. Als wir ankamen, sahen wir, dass Männer mit Baumstämmen versucht haben, das Tor von der Wasserburg aufzukriegen. Es waren in der Wasserburg Gefangene drin, die sie befreien wollten; vor allem die Politischen. Nach einer Weile wurden es immer mehr Menschen, die sehen wollten, was es mit dem Lärm auf sich hat. In der Straße wohnte auch ein Rechtsanwalt namens Eberhard Nachmann, der die Masse später beruhigte und somit verhindern wollte, dass es ausufert. Man hörte, dass man bestimmt damit rechnen musste, dass Soldaten kommen könnten. Deswegen hat sich die Masse nach und nach immer mehr „verkrümelt“, um später nicht verhaftet zu werden. Es ist dadurch auch irgendwie dann im Sande verlaufen. Das Tor wurde wieder zugemacht und nichts ist mehr passiert."

I: Sind Gefangene frei gekommen?

W: "Das weiß ich nicht, ob da welche frei gekommen sind. Das konnte man gar nicht erfahren. Es wurde unter den Teppich gekehrt. Man wollte sich nicht die Blöße geben, was da passiert ist."

I: Man hat also kaum noch über den Tag erzählt?

W: "Nein. Naja, wer dabei war schon, weil es war aufregend. Man hatte auch Angst, dass man Schwierigkeiten bekommen konnte, weil man an der Befreiung teilgenommen hat."

I: Kam der Aufstand für Sie plötzlich oder haben Sie geahnt, dass was passieren wird?

W: "Nein, für den Otto Normalverbraucher war das plötzlich und nicht vorhersehbar. Was sich im Hintergrund abgespielt hat, weiß man sowieso nicht."

I: Hätten Sie sich vielleicht, wenn Sie in der gleichen Lage wären, beteiligt?

W: "Als Frau eher weniger, aber mein Bruder war auch an dem Aufstand beteiligt. Das man unzufrieden war, ist schon Fakt. Aber ich weiß es nicht, ob ich mich beteiligt hätte. Ich glaube nicht."

I: Vielen Dank für das freundliche Interview.