Zeitzeugeninterview mit einem Gommeraner über den 17. Juni 1953

Auszug aus dem Urteil des Obersten Gerichts der DDR
Auszug aus dem Urteil des Obersten Gerichts der DDR

Anonym: „Waren Sie schon einmal im Moritzhof?“ 

A: „Bin ich. Das war 1951. Da wurde ich auf der Straße verhaftet, weil ich Parolen gegen die UdSSR an eine Hauswand gemalt habe.“
I: „Und was ist passiert?“
A: „Ich wurde in einen Keller gesperrt und verhört. Sehen Sie die Wand da drüben? So sah der aus. Da saß ich 10 Tage drin und wurde verhört. Mal um 10 Uhr, mal um 4 Uhr, mal um 2 Uhr … Nachdem die in Gommern zu gemacht hatten, kam ich dann in den Moritzhof. 15 Monate habe ich bekommen.“
I: „Haben Sie die komplette Zeit absitzen müssen?“
A: „Ja, auf den Tag genau … und da sind Dinge passiert, über die mag kein Mensch reden … ach na es hätte auch niemand hören wollen. Es gab immer wieder Neugierige. Aber die haben kein wirkliches Interesse daran gehabt.“

 

 

 

I: „Was ist danach passiert?“

A: „Ich habe Arbeit gesucht und zum Glück in Magdeburg eine gefunden.“
I: „Aber aufgewachsen sind Sie in Gommern?“
A: „Genau.“
I: „Wann sind sie geboren?“
A: „Im Jahre 1929. Und wie der Zufall es wollte, fing ich genau am 15. Juni 1953 beim ZRAW meine neue Arbeit an.“

I: „ Sie haben im Werk gearbeitet?“
A: „Ja genau.“
I: „Kannten Sie dann Werner Mangelsdorf?“
A: „Natürlich kannte ich ihn! Hat am 17. Juni eine hervorragende Rede gehalten. Das konnte er ohne Stift und Papier! Da war noch ein anderer. Der hat auch eine Rede gehalten. Aber mir fällt sein Name nicht mehr ein … der war Maurer und aus Plötzky.“

I: „Haben Sie ihn nochmal gesehen an dem Tag?“
A: „Nein, nicht mehr. Seitdem wir von dem Werk losgezogen sind. Aber ich kann mich noch ganz genau daran erinnern: Am 18. Juni war ich in der Umkleide und da kam der Werner rein und ich hab ihn mit großen Augen angeguckt und gesagt: 'Was machst du denn hier?! Bist du verrückt? Die suchen dich!' Da war er ganz schnell, hat seine Jacke wieder angezogen und ist über die Mauer gesprungen und abgehauen … der hat es ja tatsächlich bis Westberlin geschafft. Naja und 1954 wollte er seine Frau und Kinder mit rüber holen. Da haben sie ihm eine Falle gestellt und geschnappt.“
I: „Davon habe ich gelesen. Wie war die Stimmung im Werk in den Tagen vor dem 17. Juni? Und wann wussten Sie von den Streiks in Berlin?“
A: „ Die hatten einige Tage oder Wochen davor die Preise ordentlich angezogen. Da waren viele schon verwundert und wütend drüber. Das haben die ja auch später wieder zurück genommen. Aber von den Streiks in der Stalinallee haben wir gleich morgens am 17. erfahren. Da haben wir uns abgesprochen und sind alle zum Zwiebelturm, um die Gefangenen zu befreien.“
I: „Der gesamte Betrieb?“
A: „Ja alle, auch von der Bauunion in Gommern sind 50 oder 60 Leute mit marschiert und die Leute aus der Schuhfabrik.“

I: „Um 15 Uhr sind ja auch noch mehrere hundert Demonstranten aus Magdeburg gekommen.“
A: „Davon habe ich nichts mitbekommen. Aber das kann sein.“
I: „Was ist dann passiert?“
A: „Wir standen vor der Wasserburg und einige haben mit den VP-Leuten diskutiert. Sie sollten die Gefangenen frei lassen. Stattdessen verbarrikadierten die das Tor.“

I: „Und dann?“
A: „10 oder 20 Mann brachen dann die Fahnenstange ab und brachen damit das Tor auf. Da war auch eine Frau aus meiner Straße mit dabei: Alma Siebert, mutige Frau, wog 3 Zentner und brüllte durch die Straßen: 'Wir befreien die Gefangenen aus Gommern!'“
I: „Wie ging es weiter?“
A: „Einige der Polizisten haben sich versteckt. Einige wurden von den Demonstranten verprügelt … Ich war aber vor der Burg, zum Glück nicht im Innenhof, denn bald kamen die Russen mit 3 oder 4 Fahrzeugen und Maschinenpistolen umgehangen. Wir sind alle weggerannt. Die haben die im Burghof eingesperrt, später freigelassen und abends dann 6 oder 7 Leute wirklich festgenommen. Ich habe noch das Gerichtsprotokoll. Warten Sie. Ich suche es raus.“
I: „Vielen Dank. Die Menge hat sich dann also sehr schnell aufgelöst?“
A: „Natürlich! Hätten die mich bekommen. Dann wäre ich wohl nie wieder gekommen.“
I: „Wissen Sie noch etwas besonderes von dem Tag oder der Zeit danach?“
A: „Wir hatten Ausgangssperre. Aber ich musste ja zur Arbeit und da habe ich so einen Schein gehabt. Die Russen sind da ständig patrouilliert und standen uns in der Werkhalle mit ihren Waffen im Genick. Da kann doch kein Mensch bei arbeiten! Wir haben uns beschwert und da mussten die draußen bleiben. Sind aber unablässig um uns herum.“
I: „Fällt Ihnen etwas zu dem Namen Vera Zieske ein?“
A: „Oh ja! Die hatte da so einiges mit zu tun. Aber darüber will ich nicht reden. Da sieht der eine das so, der andere so.“
I: „Können Sie mir noch etwas zu besonderen Personen aus der Zeit sagen?“
A: „Oh ja, da fällt mir grade ein, es gab da diesen Polizisten … der hat sich Klasse verhalten.“
I: „ Wie war sein Name?“
A: „Heinz Krakowsky. Er war Wachtmeister hier in Gommern. Und ich glaube, er lebt auch heute noch in Schönebeck. Ich weiß es aber nicht genau.“
I: „Was hat er getan?“
A: „Nichts! Als die Russen kamen, war er der Erste, der seine Waffe abgenommen hat und gesagt hat: ‚Macht euer Ding alleine“. Und bei der Verhandlung war ich ja ebenfalls anwesend. Da war er als Zeuge geladen und er kam rein. Das weiß ich noch ganz genau, aber das steht nicht im Protokoll. Er sah sich um, ging dann nach vorne zum Richter und sagte: 'Ich werde keine Aussage tätigen, da ich befangen bin. Ich werde keine Aussage gegen die Menschen machen, mit denen ich auf einer Schulbank saß.“
I: „Was ist aus ihm geworden?“
A: „Er wurde zum Nachtwächter im Steinbruch von Gommern degradiert. Aber davon war ich damals sehr beeindruckt.“
I: „Vielen Dank für diese ganzen Informationen.“